Tauchen auf den Azoren – Nix für Weicheier

Die Reise auf die Azoren hätte nicht passender sein können. Mein Kopf so voll mit Gedanken, dass gar kein Platz mehr dazwischen ist diese zu sortieren. Ich pfeife aus dem letzten Loch. Die lang anhaltende Hitze in Berlin tut ihr Übriges. Ich reise alleine, um ein bisschen Abstand zwischen mir und der Welt daheim zu bringen. Die Tauchreise auf die Azoren ein kleiner Traum, der in Erfüllung geht.

Es wird gerade Tag, als das Taxi mich in Tegel ausspuckt. Der Flieger nach Lissabon hat bereits eine Stunde Verspätung. Es werden zwei, bevor wir abheben. Meine Pläne die Transferzeit, für eine Stippvisite nach Lissabon zu nutzen, haben sich damit erledigt. Nicht schlimm. Andermal. Ich überbrücke die Zeit mit Galão und Pastel de Nata. Weiterflug nach Faial. Die Fähre nach Pico um Haaresbreite verpasst. Dann eben ein Streifzug durch Horta. Ich mag die engen Gassen, die unaufgeregten Bars und das Leben, das sich wie in allen südlichen Ländern, ausschließlich draußen abzuspielen scheint.

Es ist später Abend, als die Fähre in Pico einläuft. Eine lebensfrohe Niederländerin und ihr Sohn nehmen mich unter ihre Fittiche. Sie haben dasselbe Tauchpaket gebucht, dieselbe Pension. Wie verstehen uns. Tauchen und die Liebe zum Meer verbindet. Das erste Mal seit Wochen schlafe ich durch.

Ankunft in Madalena

Am nächsten Morgen einchecken im Dive Center. Die obligatorischen Fragen, der obligatorische Papierkram. Dafür geht es am Nachmittag bereits ins Wasser. Ein Glück. Es ist sehr viel wärmer, als ich annahm. Unser Guide ein quirliger Portugiese. Zé erzählt über das Inselleben, die Arbeit als Guide und seine Liebe zum Meer. Der erste Landtauchgang etwas unspektakulär. Gut zum Eingewöhnen und um festzustellen, dass sowohl mein Blitz als auch mein Tauchjacket ihren Geist aufgegeben haben. Tariert wird an dem Tag mit der Lunge und Fotos ohne externe Lichtquelle sind eh viel lebendiger.

Der zweite Tauchplatz São Mateus: eine kleine Überraschung. Nicht ohne Grund der Favorit von Zé. Uns empfängt eine abwechslungsreiche Landschaft aus Bögen, kleinen Höhlen und einem Tunnel, durch den wir tauchen. Mit einem Grinsen tauche ich auf. Ich fühle mich wieder bei mir selbst angekommen.Die Niederländerin und ich verquatschen uns beim Deko Bier. Zu lange. In Madalena schließen die Küchen bereits um 21.30 Uhr. Zum Abendessen gibt es Chips und Kekse. Ein bisschen wie auf Klassenfahrt.

Condor Bank – Tauchen mit den Haien

Das Zodiac brettert über die Wellen. Der Wind peitscht mir die Haare ins Gesicht. Es gibt keinen Ort, an dem ich gerade lieber wäre. Mit sieben Tauchern sind wir auf dem Weg zur Condor Bank, einem der spektakulärsten Tauchspots auf den Azoren.

Fabio, unser Guide, hat in weiser Voraussicht eine Runde Pillen gegen Seekrankheit ausgegeben. Um meinen Mageninhalt muss ich mir keine Sorgen machen. Pico und Faial lassen wir rechts neben uns liegen. Wir nehmen Kurs auf das offene Meer. Eine Gruppe von Delfinen begleitet uns ein Stück.

Wir sind angekommen. Angekommen mitten auf dem offenen Meer. Alleine. Über Funk immer wieder die Frage: “Habt ihr einen?”. Wir warten. Auf die Haie. Fabio kehrt nicht um, solange wir keinen gesehen haben, versprach er uns enthusiastisch während des Briefings. Seine kürzeste Wartezeit 5 Sekunden. Die längste 8 Stunden. Ich hoffe, dass wir uns irgendwo dazwischen einreihen. Wir vertreiben uns die Zeit mit Dösen und Lebensgeschichten erzählen. Ein italienisches Pärchen lässt sich ein paar portugiesische Vokabeln beibringen. Der Rest tauscht sich über die schlimmsten Beleidigungen in der jeweiligen Muttersprache aus.

Dann geht alles sehr schnell. Ein Makohai direkt unter unserem Boot. Hektisch rödeln wir unser Equipment auf. Bleigurt vergessen, also alles von vorn. Endlich Unterwasser angekommen und außer Blau nix. Der Hai ist weg. Ich bin nur ein bisschen enttäuscht. Makohaie gelten als weitaus aktiver als ihre Artgenossen. Wieder warten. Den Blick auf das Wasser gerichtet. Dann erneut ein heller Schatten im Wasser. Das ganze Spiel von vorn. Wir haben Glück. Der imposante Blauhai hat gefallen an uns gefunden, wie wir da hängen an zwei Seilen im Blauwasser. Unser Glück kaum fassen können. Eine gute halbe Stunde zieht er seine Kreise, kommt ganz schön nah, um dann doch wieder abzudrehen.

Noch nie zuvor bin ich einem Hai so nah gekommen. Ich bin viel zu fasziniert von der Eleganz und Schönheit dieses Tieres, um darüber nachzudenken, was ich hier gerade tue. Auf jeden Fall nix was meine Eltern glücklich macht. Ganz schön müde und mit einem seligen Grinsen im Gesicht geht es zurück nach Pico.

Noch zwei weitere Male zieht es mich zu den Haien. Beim letzten Tauchgang in Pedro Sousa verbringe ich knapp 70 Minuten mit gleich zwei dieser wundervollen Lebewesen im Wasser. 

Princess Alice Bank – Mind-blowing Mobulas

“Nimm auf jeden Fall Snacks mit, du wirst die Energie brauchen.” “Hast du genügend Wasser dabei?” “Vergiss die Sonnencreme nicht!” Die Guides werden nicht müde, die Fragen zu wiederholen, egal wer mir über den Weg läuft, während ich mein Equipment zusammen suche – in der Hoffnung auch wirklich nichts zu vergessen. Diesen Morgen steuern wir Princess Alice Bank an: ein Seeberg 45 Seemeilen südwestlich von Pico und Faial. Knapp 4 Stunden geht es raus auf das offene Meer. Weit weg von der Küste. Das Briefing ist entsprechend ausführlich, die Bedingungen zum Tauchen mitunter tough und definitiv nichts für Anfänger.

Es verspricht ein wundervoller Tag zu werden. Das Meer flach wie ein Pfannkuchen. Caspar, unser Diveguide für den Tag, zündet sich eine Zigarette an und genießt den Ausblick. Die Sonne geht über dem Mount Pico auf. Ich döse langsam weg. Die Zeit vergeht viel schneller als gedacht.

An der Ankerleine geht es gut 40 m hinab zur Spitze des Seeberges. Um uns herum tobt die atlantische Unterwasserwelt. Wir haben Glück, es gibt kaum Strömmung. Ein paar Minuten Grundzeit bleiben uns, um die vulkanische Unterwasserlandschaft zu erkunden. Die ersten Mobulas tauchen aus der Tiefe aus. Ich bin geplättet von diesem Anblick. “Unglaubliche Viecher, die aussehen wie Raumschiffe aus einer anderen Galaxie” ein Kommentar eines Freundes, nachdem ich ihm Fotos von dieser atemberaubenden Begegnung geschickt habe. Ich hätte es wahrlich nicht besser ausdrücken können.

Die Mobulas schweben um uns herum und ich weiß nicht, wann ich mich zuletzt so lebendig und glückselig gefühlt habe. Strahlende Gesichter auf dem Tauchboot nach 45 Minuten mind-blowing mitten im Atlantik. Incredible, wow, fantastico. Da sind sich alle einig. Caspar grinst breit. Er freut sich mit uns. Am meisten über die perfekten Bedingungen und den friedlichen Atlantik. Die Ausnahme, nicht die Regel. Ich kann das Ende der Oberflächenpause kaum erwarten. Die Mobulas tänzeln derweil um unser Boot.

Der zweite Tauchgang an diesem wunderbaren Ort ist nicht minder spektakulär. Die am Boot herabgelassen Seile dienen uns als Referenz, damit wir im endlosen Blau nicht die Orientierung verlieren und zur Sicherheit vor der unberechenbaren Strömung. Die perfekten Bedingungen an diesem Tagen lassen es zu, immer wieder auf Erkundungstour zu gehen. Ein Schwarm großer Bernsteinmakrelen zieht in der Tiefe an uns vorbei. Hier ist alles viel größer und rauer, als ich es jemals zuvor erlebt habe.

Ich würde gerne bleiben. Hier in diesem Moment. An diesem wunderschönen Flecken Erde. Viele Menschen, die ich treffe, haben genau das getan. Ich kann verstehen warum.

 

 

Leave A Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.