Tauchen an den Brothers und am Daedalus Riff

Tauchen an den Brothers. Ein lang gehegter Traum, den ich vor zwei Monaten verwirklicht habe. Zwei Wochen nachdem ich von den Azoren wieder gekehrt bin. Die Reisen hätten unterschiedlicher nicht sein können. Dennoch miteinander verbunden durch meine eigene Gefühlswelt. Mein langjähriger Buddy, die Person, mit der ich das Tauchen begonnen habe und ich werden zukünftig getrennte Wege gehen. Sehr erwachsen, sehr pragmatisch und ja auch traurig nach vielen gemeinsamen Jahren. Das Tauchen eine Leidenschaft, die wir gemeinsam verfolgt haben. Ich sicherlich sehr viel exzessiver als er – hätte er geahnt, was er mit dem Gutschein für den OWD anrichten würde…

Wir haben mit uns gehadert, ob wir die Tauchsafari noch gemeinsam machen sollen. Zum Stornieren war es zu spät. Die kleine Hoffnung, dass das Boot nicht voll werden wird und damit die Tour abgesagt werden würde, nicht erfüllt. Meine zwei liebsten Tauchfreunde mit an Bord, ein Argument mehr die Reise anzutreten.

Auf nach Port Ghalib

In Hurghada angekommen nehmen uns die Beiden im Empfang. Die Wiedersehensfreude und das Schwelgen in Erinnerungen, an die letzten Tauchurlaube, lassen uns die halsbrecherische Autofahrt nach Port Ghalib gut gelaunt überstehen. Ich schaue nur ab und zu auf den Tacho und auf die unbeleuchtete Straße durch die Wüstenlandschaft.

Meine vierte Tauchsafari, sehr wahrscheinlich die Letzte in dieser Konstellation. Wir sind fast die Ersten an Bord. Genug Zeit und Platz auf dem Tauchdeck, das Equipment für die Woche zusammenzubauen. Ein kleiner Luxus einer Tauchsafari – nicht jeden Tag aufs Neue von vorne beginnen zu müssen. Die Flaschen werden an Bord nach jedem Tauchgang neu befüllt. Nach und nach treffen die anderen Gäste ein. Zwei Jungs wuchten ihre Double Tanks und Scooter an Bord. Die Kabinen werden verteilt. Das erste Abendessen im Hafen. Ich schaue auf die künstlich angelegten Lagunen von Port Ghalib und in mir breitet sich Ruhe aus. Die Vorfreude auf das Tauchen, auf das tiefe Blau, die Neugier auf das, was sich unter der Meeresoberfläche verbirgt.

Nach dem Frühstück geht es zum Check Dive nach Ras Torombi. Kein Tauchplatz, der in meinem Logbuch einer weiteren Beschreibung bedarf. Wir einigen uns darauf den ersten Tauchtag ruhig angehen zu lassen und lieber die Zeit zu nutzen, um direkt zu den Brothers über zu setzen. So ruhig es in Küstennähe ist, um so deutlicher zeigt das Rote Meer uns, wie wild es sein kann. Ich genieße die leicht sedierende Wirkung der Pillen gegen Seekrankheit und döse die halbe Überfahrt auf dem Oberdeck.

In der Abenddämmerung erreichen wir die Brothers. Zwei kleine unbewohnte Inseln, ca. 35 km nordöstlich der Küstenstadt El Quseir, umgeben vom offenen Meer. Die steilen Saumriffe, der Insel, eines der hoch gelobtesten Tauchgebiete weltweit. Das Tauchgebiet ist nur mit dem Liveaboard zu erreichen und gehört zu den unberührtesten Tauchplätzen in Ägypten.

Schade, dass in dem Gebiet keine Nachttauchgänge erlaubt sind. Wie gerne würde ich mich sofort in das Blau fallen lassen.

Little Brother

Unser Boot liegt in einer guten Position und wir sind die ersten Taucher, die in den frühen Morgenstunden das Schlauchboot besteigen, um am little Brother den Tag zu beginnen. Aufgrund der starken Strömung geht es negativ in Wasser. Treffpunkt auf 5 Metern. Ich mag diese Abstiege, die mir in homöopathischen Dosen das Adrenalin durch den Körper jagen. Die Strömung knallt gehörig und mich an die Felswand. Ein koordinierter Abstieg sieht anders aus. Wir kleben wie Spider-Man am Riff. Unser Guide schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Nicht ganz zu Unrecht. Ich fühle mich in meine Tage als Tauchanfängerin zurückversetzt. Die Situation ist von kurzer Dauer.

Wir erreichen den Strömungsschatten. Ruhe stellt sich ein. Endlich schaffe ich es meinen Blick über die Umgebung schweifen zu lassen. Tauchen an der Steilwand. Den Blick ins Blau gerichtet, obwohl der Korallenbewuchs an der Steilwand nicht minder imposant ist. Unter uns ziehen zwei Riffhaie ihre Bahnen. Beim Auftauchen passieren wir eine Wand aus Luftblasen. Eine zweite Gruppe von Tauchern steigt ab. Eine fast schon mystische Szene. Ich mag Pathos.

Nach dem Frühstück geht es erneut am little Brother auf Erkundungstour. Diesmal direkt vom Safariboot. Ich werde es in diesem Taucherleben nicht mehr schaffen, grazil ein Schlauchboot zu besteigen – bin froh den Beweis nicht erneut zu liefern zu müssen. Im Gegensatz zum ersten Tauchgang ist die Strömung kaum spürbar. Ein ausgewachsener Longimanus gesellt sich zu unserer Gruppe. Noch vor ein paar Wochen hatte ich das Glück auf den Azoren mit Blauhaien zu tauchen. Der Longimanus fasziniert mich nicht minder, ist aber Respekt einflößender als seine azoreanischen Artverwandten.

Hai an den Brothers
Haigarantie an den Brothers

Big Brother

Wir tauchen noch ein weiteres Mal am little Brother, bevor wir am späten Nachmittag zum 1 km entfernten Big Brother übersetzen. Dieses Mal kann ich neben der Sichtung eines weiteren Lonigmanus auch noch einen Tigerhai in meinem Logbuch notieren. Beim Abendessen fallen mir fast die Augen zu. Vier Tauchgänge, jeder deutlich über 30 m, ich werde gut schlafen in dieser Nacht.

Den nächsten Tauchtag verbringen wir komplett am Big Brother. Kein Tauchgang ohne die Sichtung mindestens eines Longimanus. Die Brothers sind bekannt für die hohe Wahrscheinlichkeit auf Haibegegnungen, haben aber darüber hinaus alles zu bieten, was Ägypten als eines der besten Tauchgebiete weltweit auszeichnet. Besonders die Wracks der Aida und der Numida haben es mir angetan. Ich bin ein wenig neidisch auf die beiden Jungs, die ihre Scooter ausprobieren und um die Wracks flitzen. Habe aber zu viel Respekt vor meiner eigenen Ungeschicklichkeit, um es selbst auszuprobieren.

Daedalus

Unser Kapitän nimmt Kurs auf unseren nächsten Tauchspot. Das Daedalus Riff liegt östlich von Marsa Alam. Mit den Brothers teilt es nicht nur die Lage – mitten im offenen Meer, sondern auch einen markanten Leuchtturm, der das Riff markiert. Wer Daedalus ansteuert, hat ein hehres Ziel. Eine Begegnung mit den standorttreuen Hammerhaien. Ich bin selten enttäuscht, wenn es an einem Tauchplatz nicht zu den Unterwasserbegegnungen kommt, die den Ruf des Spots ausmachen. Mein Equipment baue ich an dem Morgen dennoch mit einer gehörigen Prise Adrenalin zusammen.

Wir lassen uns negativ vom Zodiac auf 5 m fallen. Die starke Strömung lässt uns kaum eine andere Wahl. Das Ok-Zeichen in die Runde – einvernehmliche positive Resonanz. Es geht weiter runter, bis wir die 30 m Marke passieren. Beim Briefing haben wir uns darauf geeinigt, einen Ausflug ins Blauwasser zu unternehmen. Das Riff verschwindet als Referenz. In meinen Tauchanfängen habe ich mich stets ein wenig unwohl gefühlt, von nichts anderem umgeben als Blau. Mittlerweile fühle ich mich so am wohlsten. Merke wie mein Herzschlag sich verlangsamt, Ruhe in meinen von Gedanken aufgewirbelten Kopf einkehrt und sich alles Drängende relativiert. Ja, ich bin glücklich hier auf dem offenen Ozean, 30 m unter der Oberfläche im Blauwasser.

Und dann ziehen tatsächlich zwei stattliche Hammerhaie auf 50 m unter uns vorbei. Der Moment ist so perfekt, dass es fast absurd ist. Und das Ganze vor dem Frühstück. Beim zweiten Tauchgang fordern wir unser Glück ein weiteres Mal heraus. Tauchen ein weiteres Mal hinab. Die Mission unseres Guides: ein Fuchshai am Vormittag. Die Tiere sind unglaublich scheu. Es scheint unser taucherischer Glückstag zu sein. Nach ein paar Minuten Grundzeit blitzt eine markante lang gezogene Schwanzflosse im tiefen Blau auf. Ich versuche erst gar nicht die Kamera auf das Tier zu richten. Manche Begegnungen benötigen kein Beweisfoto, das sie stattgefunden haben.

Wir verbringen noch den halben nächsten Tag am Daedalus. Ich merke, dass mir nach der ganzen Steilwandtaucherrei der Sinn nach einem schönen Korallengarten und etwas flacheren Tauchgängen steht.

Nachttauchen in Abu Dabab

Der erste und einzige Nachttauchgang, auf dieser Safari, eine willkommene Abwechslung. Die Sonne geht langsam unter über der Riffkette Abu Dabab. Eines der beliebtesten Tauchgebiete in der Region. Gelegen an der Küstenstraße, die Hurghada und Marsa Alam verbindet. Ich mag Nachttauchgänge. Die einzigartige Atmosphäre. Die Dunkelheit und die Ruhe. Wir tauchen in Abu Dabab 6. Drei Pinnacles charakterisieren den Tauchplatz. Bewachsen von einer dichten Decke an Korallen. Perfekter Lebensraum für jede Menge an kleinen Meeresbewohnern. Wir begegnen dem Highlight eines jeden Nachtauchganges im Roten Meer. Einer spanischen Tänzerin. Ich bin froh, dass unser Guide sie nicht tanzen lässt. Ein bezaubernder Anblick, für die Schnecke aber nur unnötiger Stress.

Das Dekobier schmeckt heute besonders gut. Unser letzter Abend auf dem Meer, unweit von der Küste entfernt. Nach 4 Tagen Steilwandtauchen auf dem offenen Ozean. Ich fühle jetzt schon so etwas wie Abschiedsschmerz. Ich habe neue tolle Menschen kennengelernt, sehr gute Gespräche geführt, mit Freunden eine tolle Zeit unter und über Wasser gehabt und ja, ein Kapitel in meinem Leben geht zu Ende.

spanische Tänzerin im Roten Meer
spanische Tänzerin

Elphinstone & Marsa Shouna

Der letzte Tauchtag auf der M/Y Miss Nouran beginnt verhältnismäßig spät am Elphinstone Riff. Für mich ein altbekannter Tauchplatz. Das ca. 500 m lange Riff liegt im offenen Meer ca. 9 km von der Küste entfernt. Etwa 20 km nördlich von Marsa Alam. Zu den Safaribooten gesellen sich auch nach und nach die Tagesboote der umliegenden Tauchcenter. Es wird voll am Riff.

Ähnlich sieht es auch beim “Rausschmeißer-Tauchplatz” Marsa Shouna aus. Der letzte Halt auf der Safari dient meist dazu, der Crew eine erste Möglichkeit zu geben das Boot für die nächste Tauchgruppe auf Vordermann zu bringen. Unter Wasser bedeutet das oft mehr Neopren als Fisch. So auch dieses Mal. Aus irgendeinem Grund scheinen die Meeresbewohner resistent gegen so viele ungebetene Gäste zu sein. Mir schwimmt neben einem Torpedorochen, ein Schiffshalter und eine nicht aus der Ruhe zubringen Schildkröte vor die Linse. Der letzte Tauchgang hat sich gelohnt.

Wieder zurück an Bord bricht auch unter den Tauchern der Putzwahn aus. Die Ausrüstung wird auseinandergebaut, gespült und überall an Deck zum Trocknen ausgebreitet. Es geht zurück in den Hafen von Port Ghalib. Zurück in den Trubel. Die Cocktails am Abend in einer der Hafenbars – ein kleines Ritual. Das Austauschen von Nummern, das Schwelgen in den gemeinsamen Erinnerungen der letzten Tauchtage, das Wiederholen von Running Gags, die sich in der gemeinsamen Woche etabliert haben.

Ich bin dankbar für die gemeinsam verbrachte Zeit.

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