Tauchen in Sharm el Sheikh

Ende letzten Jahres, im sonnigen Andalusien, habe ich wieder Mal festgestellt, dass ich Feiertage jeglicher Natur am liebsten nicht in meiner Alltagsumgebung verbringe. An Heiligabend habe ich mir selbst das beste Geschenk gemacht und einen Flug nach Ägypten über meinen Geburtstag gebucht. Vor gut 5 Jahren habe ich meinen AOWD bei den Sunshine Divers absolviert. Eine kleine familiär geführte Tauchschule am Sinai in Sharm el Sheikh. Nach meiner etwas holprigen Ausbildung zum OWD habe ich mich sofort wohlgefühlt. Habe Guides getroffen, die sich die Zeit nehmen einem dazu zu verhelfen ihre Liebe für die Unterwasserwelt zu teilen. Egal wie unsicher oder idiotisch man sicher unter Wasser anstellt.

Ich war so angefixt, dass es wenig brauchte meine erste Tauchsafari mit den Sunshine Divers ein paar Monate später zu buchen. Eine Woche, die mir immer wieder in Form von wohligen Flashbacks im Hinterkopf aufpoppt. Die Zeit verstrich. Ich bin viel rumgekommen, habe euphorisiert und vielleicht auch ein wenig besessen 2-3 Tauchurlaube pro Jahr gemacht. Bin mit Blauhaien und Mobulas getaucht. Habe tolle Menschen kennengelernt an den unterschiedlichsten Flecken auf der Welt. Viele sind zu Freunden geworden. Dennoch war es für mich klar, dass ich unbedingt noch mal in Sharm el Sheikh tauchen wollte. Die Zeit dafür war mehr als überfällig.

Urlaubsplanung mit Umwegen

Eine Woche Tauchen satt. Den Winter und das letzte Jahr abschütteln. Konnte keiner ahnen, dass schon wieder eine Fluggesellschaft krachen geht. Als ich morgens die Nachricht lass, schwankte mein Gefühlszustand zwischen Schock und Wut hin und her. Mehrfach habe ich imaginär fest und mindestens einmal nicht ganz so fest irgendwo gegen getreten. 500 Euro in den Sand gesetzt, meine Reisepläne ruiniert. Wäre da nicht meine Familie gewesen, die wissen wie viel mir das Tauchen bedeutet. Wie sehr es mich glücklich stimmt und ich diese Auszeiten im Jahr brauche, um meinen Kopf durchpusten zu lassen. Durch ihre Unterstützung konnte ich kurzerhand einen neuen Flug buchen und aus einer Woche zwei machen. Dankbarkeit ist kein Ausdruck für diese Geste.

Am letzten Arbeitstag die Abwesenheitsnotiz im Mailprogramm einzurichten, den Schlüssel in der Wohnungstür umzudrehen und mein Tauchgepäck aus dem 4. Stock in das Taxi zu wuchten. Ein wunderbares Gefühl.

Nach 5 Stunden Zeit totschlagen und der Erkenntnis, dass die Raucherterasse am Istanbuler Flughafen wirklich kein schöner Ort ist, geht es endlich in die Maschine nach Sharm. Am Ausgang wartet bereits Sambo auf mich. Übermüdet falle ich in mein Bett. Es fühlt sich nichts fremd an.

Unterwasser in Sharm el Sheik

Ich hole ein wenig Schlaf nach, wenn auch nicht viel. Zu groß die Freude wieder ins Wasser zu kommen. Das erste Frühstück am Meer. Es ist angenehm leer. Genauso wie mein Kopf. Mit Anita tausche ich beim Check-in erstes Tauchergarn aus. Sie ist seit 2018 im familiären Betrieb und ich bin froh, dass der Mailverkehr im Vorfeld so unkompliziert war, obwohl ich erst dachte, alles abblasen zu müssen. Mit Shazzly mache ich am Nachmittag meinen Check Dive am Hausriff. Er ist von Anfang an mit dabei, hat bestimmt Hunderte Taucher ausgebildet, wie mich vor ein paar Jahren, die seitdem immer wieder kommen. Auf 30 m eine Wand aus Glasfischen. In der Ferne huscht ein Eagle Ray an uns vorbei. Bei meinem breiten Lächeln muss ich aufpassen, dass mir der Atemregler nicht aus dem Mund fluscht.

Ob ich Lust auf einen Nachttauchgang habe? Da muss man mich nicht zweimal fragen. Es ist Tanjas letzter Tauchtag. Wir verstehen uns auf Anhieb, schade dass sich unsere Wege nur so kurz gekreuzt haben. Der Nachttauchgang eine bunte Wundertüte mit Oktopussen, die im sekundentakt die Farbe wechseln und fluoreszierendes Plankton, das uns wie kleine Kinder in die Hände klatschen lässt. Den Abend lassen wir mit Basti ausklingen. Einem gemütlichen Rockabilly aus Cottbus, der gerade seinen OWD macht. Ich schließe ihn augenblicklich in mein Herz und bin froh, dass er noch eine Weile bleiben wird.

Meinen Geburtstag verbringe ich auf dem Boot. Die Saison nimmt in Ägypten gerade erst Fahrt auf. Glück für mich. Abdallah ist mein privater Guide für den Tag. Angenehm entspannt, habe ich ihn bereits beim vorherigen Nachttauchgang erlebt und habe keinen Zweifel, dass ich eine ganz wunderbare Zeit unter Wasser haben werde.

Die Sunshine Divers steuern mit dem Daily Boot täglich drei unterschiedliche Tauchgebiete an. Wir starten den Tag vom hauseigenen Jetty aus. Auf der „Angelina“ geht es mit Tauchern von den umliegenden Tauchschulen in Richtung Straße von Tiran. Abdallahs Briefing, des ersten Tauchspots Jackson Reef, ist so ausführlich und voller Enthusiasmus, dass man sich kaum vorstellen kann, dass er das jeden Tag aufs neue durchkaut. Der Tauchspot gehört zu den schönsten in Tiran.

Während der Oberflächenpause setzt das Boot um, wir steuern das Gordons Reef an. Der Drift Dive macht seinem Namen alle Ehre. Wir werden förmlich um das Riff gepustet – so muss sich fliegen anfühlen. Schnell auf das Sonnendeck zum Aufwärmen. Der Wind lässt keinen Zweifel daran, dass in Ägypten der Winter noch nicht vorüber ist. Das Mittagessen füllt den Energiespeicher auf. Kaum habe ich mich zum Relaxen und sacken lassen auf dem Sonnendeck häuslich eingerichtet, werde ich von Abdallah auch schon wieder runterzitiert. Im Kopf gehe ich beide Tauchgänge durch, befürchte eine Ermahnung, auch wenn ich mir diese nicht wirklich erklären könnte. Aber ich liege komplett falsch.

Die Bootscrew und die übrigen Gäste stimmen „Happy Birthday“ an. Ich schwanke zwischen Rührung und Befangenheit. So viel Wirbel, um einen Tag, den ich am liebsten schnell hinter mich bringe. Am späten Nachmittag habe ich wieder festen Boden unter den Füßen. Ich treffe auf Tanja, die mich in ein Gespräch verwickelt und mich ablenkt während aus dem Büro der Basis das zweite “Happy Birthday” angestimmt wird.

Ich schneide den zweiten Kuchen an diesem Tag an. Die Crew freut sich. Kuchen für alle. Zwischenzeitlich kommt Basti mit einem neuen Gast aus dem Wasser. Flo habe ich Morgens schon kurz verschlafen bei seinem Check-in getroffen. Er ist in der Nacht angereist und nutzt die Tage seinen AOWD zu machen. Wie auch bei Basti stimmt die Chemie auf Anhieb. Beim gemeinsamen Abendessen und Dekobier stellen wir beide fest, dass wir quasi um die Ecke voneinander wohnen. Wir verquatschen uns, teilen Lebensgeschichten und Flo seinen mitgebrachten Wodka mit mir, während die anderen sich nach und nach ins Bett verabschieden. Ich habe nicht das Gefühl, als ob wir uns vor ein paar Stunden erst begegnet wären. Ich hätte mir keinen besseren Geburtstag vorstellen können und bin froh hier an diesem Ort mein neues Lebensjahr einzuläuten.

Trotz kurzer Nacht und vielleicht ein Glas Wodka zu viel geht es mir blendend am nächsten Tag. Beste Voraussetzungen für mein Lieblingstauchgebiet im Roten Meer. Ras Mohammed. Der Nationalpark umfasst sieben Tauchplätze und hat mich bei meinem ersten Besuch vor einigen Jahren so geflasht, dass ich unbedingt zurückkehren wollte. Mit mehr Taucherfahrung, um die Schönheit der Unterwasserwelt unabgelenkt genießen zu können.

Jeder der sich an seine Tauchanfänge zurückerinnert, weiß wie fokussiert man am Anfang auf sich, seinen Luftverbrauch und die ganzen Gerätschaften ist, die da so an einem dran hängen. Auf der „Angelina“ sind an dem Tag mehr Guides als Gäste. Abdallah fragt mich scherzhaft, ob ich einen anderen Guide ausprobieren möchte. Ich hätte die freie Auswahl. Ich bin mehr als zufrieden mit meinem privaten Guide.

Der neue Tauchtag startet am Tauchplatz Jackfish Alley. Das Licht bricht sich in dem kleinen Höhlensystem. Rote Soldatenfische blitzen immer wieder auf. Den Rest des Tauchganges verbringen wir in einem imposanten Hartkorallengarten. Ein vielseitiger Tauchplatz. Nach der Oberflächenpause steht mein liebster Tauchplatz in Ras Mohammed auf dem Plan. Das Shark & Yolanda Reef.

 

 

Wohlverdient gehört das Riff zu den zehn schönsten Tauchplätzen weltweit. Ein Tauchgang, der sich wie eine Achterbahn anfühlt, durch das Beste, was das Rote Meer zu bieten hat. Wir starten an der Steilwand, der Grund irgendwo 750 Meter unter uns im endlosen Blau. Wer hier taucht, hat eine Chance Haie zu treffen. Das kunterbunte Riff mit einer Fülle an maritimen Leben ist aber viel zu atemberaubend, um ihm nur eines Seitenblickes zu würdigen. Ein ausgewachsener Napoleon und eine Schildkröte kreuzen unseren Weg.

 

Unser Tauchgang endet an einem der skurrilsten Orte, unterhalb der Wasseroberfläche. Dutzende Kloschüsseln säumen den Meeresgrund. Die Ladung stammt von der 1980 gesunkenen Yolanda. Mit der Sonne im Gesicht und Musik auf den Ohren geht es zurück in den Hafen. Beim gemeinsamen Dekobier und Pizza tauschen die beiden Jungs und ich uns über den Tag und noch mehr Lebensgeschichten aus. Ich bin glücklich, der Berliner Alltag ist nicht nur geografisch sehr weit weg.

Kloschüsseln auf dem Meeresgrund am Shark Yolanda Reef
Kloschüsseln am Shark Yolanda Reef

Der neue Tauchtag beginnt am Gordons Reef. Die Konditionen sind blendend an diesem Tag und erlauben uns für den zweiten Tauchgang das Wrack der Million Hope anzusteuern. Es liegt an der nördlichen Küste von Sharm el Sheik und gehört mit seiner Länge von 175 Metern zu den größten Schiffswracks im Roten Meer. Die populäre Thistlegorm misst im Vergleich “nur” 127 Meter. Die Million Hope ist ein Paradies für Makro Fans. Ich verliere mich im wahrsten Sinne des Wortes bei dem Versuch die kunterbunten Nacktschnecken ins rechte Licht zu rücken. Auf meine Buddys treffe ich erst wieder beim Safety Stop.

Die nächsten Tage verbringen wir im Wechsel in Ras Mohamed oder in Tiran. Flo, der seinen Kurs mittlerweile abgeschlossen hat, ist mit an Bord. Wenige Tag später stoßen wir auf den frisch gebackenen Open Water Diver Basti an und begleiten ihn bei seinen ersten Nachttauchgang in der Sharks Bay. Ich freue mich über meine neu gewonnen Buddys. Die gemeinsame Zeit geht viel zu schnell vorbei und ich verabschiede erst Flo und dann Basti in Richtung Heimat.

Langsam nimmt die Saison Fahrt auf. Die letzten Tauchtage verbringe ich mit den neu angereisten Gästen auf der, exklusiv von den Sunshine Divers gecharterten, „Obi Wan“. Wir tauchen an den lokalen Tauchplätzen. Vier ausgewachsene Eagle Rays am Tauchplatz Near Garden – der krönende Abschluss, bevor es auch für mich heißt mein Tauchzeug zu packen. Der Abschied fällt mir alles andere als leicht. Ich habe mich bei den Sunshine Divers wie ein Teil einer liebenswürdigen Großfamilie gefühlt.

6 Comments

  1. Mary 1. Mai 2019 at 8:35

    Liebe Annette,
    mit Freude habe ich heute morgen deinen blog über Sunshine Divers gelesen. Es reisst mich sofort mit und macht mir direkt Lust aufs Tauchen, so anschaulich hast du den Ab lauf eines Tauchtages und die Tauchplätze mit deren Bewohnern beschrieben – nicht zu vergessen unsere Guides. Ich glaube, ich gehe morgen mal wieder aufs Boot 😉
    tolle Bilder hast du auch auf deinem Instagram-profile!!
    Ganz herzliche liebe Grüße aus Sharm,
    Mary

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    1. Annette 1. Mai 2019 at 12:26

      Liebe Mary,
      vielen lieben Dank. Ich komme bald wieder. Es war eine wunderbare Zeit und einen Tag auf dem Boot kann ich nur empfehlen 😉
      Die liebsten Grüße auch an den Rest des Sunshine Divers aus Berlin
      Annette

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  2. Patrick 27. Juni 2019 at 18:24

    Moin!
    Einen schönen Blog hast du hier aufgebaut. Besonders deine Tauchberichte sind sehr anschaulich und mitreißend geschrieben! Da kommt man gerne wieder.
    Ich habe mein Herz ans Rote Meer 2013 in Dahab (sehr entspannter Ort) verloren – also etwa 90km nördlich von Sharm el Sheikh 😉
    Bis heute kehre ich regelmäßig dort hin zurück.
    Die Straße von Tiran durfte ich aber auch zweimal kennen lernen und teile deine Begeisterung. 2013 habe ich dort am Jackson Reef knapp eine Gruppe Hammerhaie verpasst – wurde dann aber beim 3. TG mit einem Manta entschädigt.
    Freue mich auf weitere Artikel von dir,
    LG
    Patrick

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    1. Annette 27. Juni 2019 at 19:50

      Hallo Patrick,

      vielen Dank, ich freu mich sehr darüber, dass dir der Blog und der Artikel gefällt. Ja, ich habe mein Herz wirklich an das Rote Meer verloren und versuche zumindest 1 Mal im Jahr zum Tauchen dort zu sein. Hammerhaie am Jackson Reef??? Wow! Die Mantas hätte ich auch genommen 😉

      Die liebsten Grüße aus Berlin
      Annette

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      1. Patrick 27. Juni 2019 at 21:45

        Ja, am Jackson Reef sind sie jedes Jahr. Allerdings braucht es etwas Glück sie auch zu sehen, da sie oft unterhalb von 40m unterwegs sind.
        Bei meinem letzten TG am Woodhouse Reef wurde kurz zuvor sogar ein Tigerhai gesichtet. Die Straße von Tiran ist immer für Überraschungen gut 🙂

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        1. Annette 28. Juni 2019 at 13:58

          Jetzt will ich sofort wieder hin 🙂

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