Tauchen und Windsurfen auf Naxos

„Er hat gewonnen.“ Schießt es mir durch den Kopf, als meine Reisebegleitung anfängt, sein Surfequipment aus dem Carsharing Auto zu stapeln. Und ich nahm an, Tauchen sei undankbar. Es ist früher Abend und wir auf dem Weg nach Naxos. Für ihn eine Art Heimreise. Seit 20 Jahren verbringt er fast jedes Jahr ein paar Wochen am griechischen Mittelmeer. Ich musste die Kykladen erst mal googeln. 

Bei dem Namen Mykonos dämmert es ein wenig. Naxos, das Ziel unserer Reise, erweckt noch nicht mal dunkel einen Wiedererkennungswert. Zwischenstopp in Frankfurt. Erleichterung in Athen ein paar Stunden später. Das Surfgepäck ist trotz sportlicher Transferzeit nicht in Deutschland geblieben.

Stürmische Begrüßung in Griechenland

Es windet ganz schön in Athen. So viel, dass alle Fähren bis zum Nachmittag für den nächsten Tag gestrichen wurden. Die Entdeckung lässt meine Unterlippe unweigerlich nach vorne schnellen. Es ist weit nach Mitternacht und ich seit gut 20 Stunden auf den Beinen und wirklich müde. Alles in mir schreit nach einem Bett. Zum Glück sind wir uns da einig. Wir verteilen das Equipment aus dem Boardbag im Mietauto. Ich lerne, dass es aufblasbare Gepäckträger gibt. So hat jeder seine Tricks. Ich habe für alles eine eigene Tasche, um mein Zeug auf Reisen zu organisieren. Wir finden ein Hotel, dass uns mitten in der Nacht aufnimmt.

Der Nachtportier ist so unglaublich nett, dass ich trotz Müdigkeit wieder zum Scherzen aufgelegt bin. Draußen peitscht der Wind durch die Bäume. An dem Zustand ändern auch 6 Stunden Schlaf nichts. Obwohl die Chancen schlecht stehen, heute noch Athen verlassen zu können, fahren wir zum Fährhafen nach Rafina. Die Wellen schlagen über die Mole. Aufgereiht 4-5 Fähren, die gefährlich von links nach rechts geschubst werden. Hier verlässt heute nichts mehr den Hafen.

Gestrandet in Rafina

Einigermaßen ausgeschlafen, finde ich es ganz charmant noch eine Nacht auf dem Festland zu bleiben. Die Frage ist nur was tun. In das Zentrum von Athen reinfahren, klingt gerade nach mehr Stress als Freude. “Hier wäre ja auch so ein Surfspot in der Nähe, klingt ganz gut” Ich kann ihn ja so gut verstehen. Hätte ich die Möglichkeit, den Tag mit Tauchen zu verbringen, ich würde es sofort tun.

Am Spot ist reges Treiben. Kiter und Windsurfer teilen sich das Revier. Eher eine Seltenheit, wie ich schon lernen durfte. Ich lerne noch mehr, über Segelgrößen im Verhältnis zur Windstärke, was es für Manöver gibt und das die Griechen strenge Regeln haben.

Windsurfen ist an diesem Tag nicht mehr erlaubt. Das wissen die Surfer und auch die Polizisten, die sich an der Strandkante aufgebaut haben und jeden Surfer, der mit seinem Equipment aus dem Wasser kommt, zur Kasse bitten. Windsurfen ist eine kollegiale Angelegenheit. Eine Gruppe von einheimischen Surfern warnen sich gegenseitig und binden ihr Equipment auf dem Wasser zusammen und fest. Ohne Equipment aus dem Wasser zu kommen, reicht wohl für die rechtliche Grauzone.

Der Live-Krimi zwischen den Windsurfern und der Polizei überbrückt die Wartezeit. Ich hätte mich einfach in die Bar setzen sollen. Dass man von hier aus den besten Blick auf die bunten Segel hat, kam mir erst viel zu spät in den Sinn. Na ja, jede Sportart bringt seine Gepflogenheiten mit sich. Ich lerne an einem Surfspot Zeit tot zuschlagen. Ohne selbst zu surfen, ist das genauso spannend, wie an der Oberfläche zu warten, während das Gegenüber taucht. Ziemlich langweilig.

Das Gegenteil von langweilig ist unsere Bleibe für die Nacht. Ich habe selten in einem skurrileren Umfeld genächtigt. Castle by the sea. Es handelt sich wirklich um ein Haus mit einem Turm und einer Inneneinrichtung, die man wohlwollend zwischen Walt Disney- und Horrorfilm verorten könnte. Vollgestopft mit dunklen barocken Möbeln und Gemälden mit Kinderporträts. Bei der Gestaltung des Gartens haben die Eigentümer wiederum ein geschickteres Händchen bewiesen. Unsere letzte Nacht auf dem Festland verbringen wir mit einem Glas Wein in der Hängematte.

Next Stop Naxos

Die Nacht fühlt sich zu kurz an. Die Inneneinrichtung ist bestimmt schuld. Unter Garantie haben die Gemälde die ganze Nacht miteinander schwadroniert. Ganz bestimmt. Angstschweiß steht mir auch beim Einparken auf der Fähre auf der Stirn. Dabei fahre ich das Auto nicht. Ich bewundere die Souveränität meiner Begleitung. Ich hätte längst die Flucht ergriffen. Das Auto auf dem engen und absurd steilen Deck stehen gelassen. Ich bin kein Angsthase. Vielleicht ein bisschen neurotisch.

Der Tag ohne Fährverkehr macht sich bemerkbar. Es ist proppenvoll. Dekadent haben wir Tickets für die Erste Klasse gekauft. Ich bin heilfroh über die Entscheidung und freue mich über die Ruhe und den Platz auf dem oberen Deck. Der Vorteil an der Speedfähre: Es geht wirklich schnell. In gut 3 ½ Stunden haben wir Naxos erreicht. Der Nachteil: Es gibt kein wirkliches Außendeck. Freunde des gemütlichen Reisens wählen eine der älteren Fähren und stecken während der Überfahrt die Nase in die Sonne.

Naxos, erinnert mich an Andalusien. Vermutlich nur aus dem Grund, dass ich gerne alles referenziere. Wir fahren in Richtung Mikri Vigla. Ein kleines Haus mit Blick auf das Meer wird unsere Bleibe für die Zeit auf der Insel. Etwas kleines rotes bufft mit dem Kopf an die Terrassentür. Ein Katzenkind. Ich unterdrücke den Impuls vor Verzückung zu quietschen. Ihr scheint in ihrem Leben noch nichts Böses widerfahren zu sein. Anders kann ich mir ihre Zutraulichkeit nicht erklären. Mit der Selbstverständlichkeit eines Hausbesitzers marschiert sie durch die Räume.

Tauchen auf Naxos

Auf der Fähre habe ich lokalisiert, dass das nächste Tauchcenter, die Blue Fin Divers, gar nicht mal so weit weg ist. Es braucht wenig Überredungskunst für den Check-in vorbeizufahren. Wassermenschen wissen um ihre Leidenschaft und die damit verbundene Sehnsucht. Der etwas misanthropische Grieche erfüllt ein Cliché, dem ich mittlerweile mit Resignation und einem Lächeln begegne.

Nein, ich möchte nicht meinen Open-Water hier machen, den habe ich seit gut 200 Tauchgängen hinter mich gebracht. Als wir das geklärt haben, erfahre ich, dass in den nächsten Tagen, die besten Bedingungen zum Tauchen herrschen, sich die Wracks lohnen und es ansonsten halt typisch Mittelmeer ist. Wenig Fisch, aber eine spannende Unterwasserlandschaft. Morgen ist schon alles voll. Aber in zwei Tagen kann ich starten.

Am Abend bekomme ich eine WhatsApp. Es ist jemand abgesprungen, ob ich mitkommen wolle. Und ob ich will. Mein Herz hüpft. Wie jedes Mal, wenn ich weiß, dass es Tauchen geht.

Jede Tauchbasis hat ihre eigenen Routinen und Gepflogenheiten. Dessen werde ich mir wieder einmal bewusst, als ich viel zu früh am Morgen in der Basis aufschlage. Die halbe Zeit stehe ich im Weg rum und die andere Hälfte benehme ich mich, als ob das mein erster Tauchgang wäre. Erst als ich zum zweiten Mal gefragt werde, ob ich wirklich den Neopren anlassen möchte, begreife ich das wir mit dem Auto zum Tauchplatz fahren und dieser nicht gerade um die Ecke ist. Oh Mann. Äh, und ach die packen mein Zeug in die Tasche nicht ich. Uff, ich bin froh, als ich OHNE angezogenen Neo im Auto sitze.

Die Gruppe ist bunt gemischt. Die Laune bestens. Wir fahren in den Westen der Insel. Nach Alykó. Einem Areal mit ruhigen Buchten und einem malerischen Blick auf das Mittelmeer. Mit dem Zodiac geht es weiter zum ersten Tauchplatz dem Black Rock Reef.

Wer im Mittelmeer taucht, darf kein Feuerwerk an Farben erwarten oder massenhaft Fisch. Sowohl der Tauchgang am Black Rock als auch nach der Dekopause am nah gelegenen Trapezaki Reef sind solide Mittelmeertauchgänge. Nach meinen letzten Tauchgängen in den schweizer Seen, finde ich alle Tauchgänge grandios, die mehr als ein paar Meter Sichtweite haben. Und meine, wenn auch geringe Erwartungshaltung, wird erfüllt. Wir sehen einen Oktopus, der munter seinen Farben wechselt und eine Fülle von Nacktschnecken.

Flabellina affinis (Violette Fadenschnecke) und Cratena peregrina (Wander-Fadenschnecke) sind die zwei Stars hier auf Naxos. Beim Deko Bier werden E-Mail-Adressen und die Empfehlungen für die nächsten Tauchurlaube ausgetauscht. So ein Tauchtag geht erstaunlich schnell vorbei.

Am nächsten Tauchtag ist es komplett windstill. Da es sich bei den meisten Tauchgängen um Bootstauchgänge handelt, geht mein Plan nicht auf, Tauchen zu gehen, wenn der andere Wassermensch auf dem Wasser ist. Wir wechseln uns mit dem Warten aufeinander ab.

Heute ist Altmetall-Tag. Ich habe auf den Tag hingefiebert. Wracks sind kein Neuland für mich. Ein Flugzeug unter Wasser aber schon. Diesmal geht es von der Basis aus auf das Boot. Wieder was Neues. Einer der Guides bedeutet mir mit meinem zusammengebauten Equipment, voll angezogen vom Strand zum ankernden Boot zu schwimmen. Ich bin froh über die klaren Anweisungen. Kein Platz für Peinlichkeiten.

Die zweimotorige Bristol Type 156 Beaufighter liegt auf rund 30 Meter. Ich mag diesen Moment, wenn man langsam abtaucht und je nach Bedingungen erst die Konturen und dann das ganze Wrack unter einem auftauchen. Ich versuche mehrmals die Maschine im Ganzen zu fotografieren. Stoße aber an die Grenze der technischen Möglichkeiten meiner Kamera. Die Grundzeit bei der Tiefe ist schnell erschöpft. Es gibt, außer dem Wrack nicht mehr zu sehen. Wir tauchen langsam auf. Oberflächenpause und Mittagessen an der Basis.

Am frühen Nachmittag schultere ich wieder mein Equipment. Mit zwei Booten steuern wir das Wrack der Marianna an. Bereits beim Abstieg geht es chaotisch zu. Die Guides haben auch im weiteren Verlauf des Tauchganges alle Hände voll damit zu tun, die Gruppe in Schach zu halten. Nach dem Tariervermögen zu urteilen bin ich in einer Gruppe voller Anfänger gelandet. Gut, jeder hat mal mit dem Tauchen angefangen. Ich nehme es gelassen, als das Wrack hinter einer Wand von aufgewirbelten Sand verschwindet. Die Guides sind erleichtert, dass ich an der Oberfläche in schallendes Gelächter ausbreche und keinen Aufstand mache. Was soll’s, ich möchte nicht wissen, wie vielen Tauchern ich als Anfängerin ihren Tauchgang madig gemacht habe.

Den Sundowner mit Blick auf das Meer, die Zehen im warmen Sand vergraben, den Kopf noch voller Eindrücke von den Tauchgängen. Mir geht es gerade ziemlich gut.

Ich fluche wie ein Rohrspatz. Wer ist eigentlich auf die bescheuerte Idee gekommen in der, wenn auch spätsommerlichen Hitze, joggen zu gehen? Ach ja, das war ich. Es ist kurz nach 9 Uhr morgens, aber die Sonne knallt so stark, dass ich bereits nach 1 km keine Lust mehr habe. Ich beiße mich durch, fauche aber nach 3 km UMDREHEN. Als Belohnung springe ich vor der Dusche ins Meer. In den kommenden Tagen habe ich mich an die Temperaturen gewöhnt und es läuft im wahrsten Sinne des Wortes besser. Dennoch Wassersport ist bei dem Klima ratsamer.

Am Nachmittag tauche ich ein letztes Mal mit den Blue Fin Divers. Fünf Tauchgänge an drei Tagen. Ich habe mich sehr diszipliniert. Für einen reinen Tauchurlaub eignet sich Naxos dann aber eben auch nicht. Das Graviera Riff ein unerwartetes Highlight. Das Riff ist zerklüftet wie ein Schweizer Käse. Höhlen und Ausbuchtungen locken mit Spiel aus Licht, Schatten und Reflexionen. Für das Mittelmeer gibt es ordentlich Fisch unter Wasser. Zurück im Zodiac werde ich nicht müde, alle 3 Minuten zu wiederholen, wie schön dieser Tauchplatz ist. Das ist er wirklich.

Der Überwassermensch hat sich währenddessen an seinen ersten Tauchversuch gewagt. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihn mit meiner Begeisterung für diese einzigartige Welt anstecken konnte. Aber mein Herz hüpft vor Freude, dass er einen Versuch gestartet hat meine Welt ein wenig besser kennenzulernen.

Inselerkundungen

Dachte ich am dritten Tag auf der Insel noch, dass noch so viele Tage bis zur Abreise übrig sind, rennt die Zeit dann doch. Die Tagesplanung steht in enger Abstimmung mit dem Wind. Viel Wind bedeutet für mich Lesen auf der Terrasse mit dem vorwitzigen Katzenkind auf dem Bauch, während in der nahe gelegenen Lagune gesurft wird.

Sightseeing gibt es an den windstillen Tagen. Die Portara von Naxos, die Altstadt mit den weiß getünchten Häusern oder auch die verschiedenen lädierten Kurose, die sich auf der Insel verteilt befinden, sind einen Besuch wert.

Für die Besteigung des Mount Zas haben wir zwei Anläufe gebraucht. Ich hab mich wie Spielverderberin gefühlt, nicht den Berg in Flipflops besteigen zu wollen. Aber nach einer Dreiviertelstunde über lose Steine steil bergauf, sind mir alle Worst Case Szenarien auf ein Mal durch den Kopf geschossen.

Der Aufstieg am nächsten Tag in Sportschuhen ist anstrengend genug. Auch wenn die Landschaft und der Ausblick um jeden Höhenmeter imposanter wird, möchte ich einfach nur noch ankommen.

Oben angekommen entlohnt der Blick über die restlichen kykladischen Inseln für einiges. Die Weitsicht wäre am Tag zuvor besser gewesen, aber es reicht, damit ich mir wieder einmal bewusst werden, wie viel Glück ich habe, solche Momente erleben zu dürfen.

Für den Abstieg wählen wir die andere Route. Ein Fehler wie sich herausstellt. Der Weg ist zwar weniger steil und vermutlich sogar in Flipflops zu meistern, führt aber an der anderen Seite des Berges hinab. Das Auto noch mal gut 1 ½ Stunden Fußmarsch entfernt. Die Laune schwankt zwischen Optimismus und Zynismus hin und her.

Tausche Atemregler gegen Surfbrett

Die Tage mit mäßigem Wind sind rar. Zwei an der Zahl. An diesen lerne ich den Unterschied zwischen Luv und Lee und vergesse es drei Minuten später wieder. Hieve mich ziemlich oft auf das Brett, hole das Segel auf und versuche anzufahren, um dann doch wieder Sekunden später im Wasser zu landen. Ich habe Ehrgeiz und der Mensch, der nicht müde wird mir Anweisungen und Hilfestellungen zu geben, hat ganz schön viel Durchhaltevermögen.

Am zweiten Tag habe ich mir die Handgriffe mit meiner eigenen verqueren Logik erschlossen. Siehe da ich kann gerade aus fahren. Mehrere Minuten. Am Stück. Mehrfach hintereinander. Das mit dem Wenden muss allerdings bis zum nächsten Urlaub warten.

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